t-gdf-rose

von Christiane Staack

E-bild2chs2s war ein angenehmer Sommerabend. Ein leichter Wind strich durch sein Haar. Die Abendluft war würzig und warm. Er ging auch heute, nach getaner Arbeit, in sein Lieblingswäldchen. Das Wäldchen lag nicht weit hinter seinem Haus und hier fand er seine Entspannung. Konnte seine Gedanken sortieren, neue Gedanken finden.
Worte finden, Worte suchen. - Sein Kopf brummte vom vielen Schreiben, aber er war zufrieden, hatte er heute doch schon reichlich zu Papier gebracht. Langsam spazierte er den schmalen Weg hinauf, seine Beine fühlten sich schwer an, vom vielen Sitzen. Als er so den Waldweg hinaufschlenderte, kam ihm auf einmal das Wasserbecken in den Sinn, was sich hier im Wäldchen befand. Spontan schlug er den kleinen Seitenpfad ein, der dorthin führte. Eine Erfrischung würde ihm jetzt sicher gut tun, dachte er. Schon lange war er  nicht mehr dort gewesen, wohl Jahre nicht mehr.
Das Licht der Abendsonne blitzte durch die Baumkronen und die Vögel sangen ihr Abendständchen. Der schmale Weg war stark zugewachsen und wer ihn nicht kannte, würde ihn wohl nicht mehr als diesen erkennen.
Das Dach des kleinen Pavillons schimmerte schon durch das Blattwerk und er freute sich auf ein schönes Erfrischungsbad. Er liebte romantische Plätze und er fragte sich, warum er diesen schönen Ort so lange nicht aufgesucht hatte. Wieso erinnerte er sich gerade heute an ihn?
Tatsächlich war noch alles so, wie vor Jahren, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die Bank stand noch dort und das Wasserbecken war mit frischem Quellwasser gefüllt. Der kleine Pavillon wurde von einer großen Kletterrose umschlungen. Viele kleine rote Rosen verbreiteten einen betörenden Duft.
Er ging zum Becken, prüfend stecke er seinen Arm in das Wasser - es hatte eine angenehme Temperatur. Er zog sich aus und legte seine Bekleidung  säuberlich auf die Sitzfläche, beseitige die Blätter, die auf der Wasseroberfläche schwammen, und legte sich in das kühle Nass hinein. „Ach, tut das gut!“, murmelte er. Auf dem Rücken liegend, ließ er sich treiben und schaute  verträumt in den Himmel. Die Sterne blinkten am wolkenlosen Nachthimmel und Glühwürmchen tanzten durch die Dunkelheit.
Als er so entspannt da lag, zog ein kräftiger süßer Rosenduft zu ihm herüber. Er schaute zum Pavillon. Wie ein großes  duftendes Tuch lagen die Rosen über dem Pavillon, eigentlich konnte man den Pavillon nur noch erahnen, wenn man ihn von hier aus betrachtete. Was mochte der Pavillon schon alles erlebt und gesehen haben?, dachte er. Sein Blick glitt den Rosenstrauch hinunter und da sah er kurz zwei funkelnde Augen aufblitzen. Schon die ganze Zeit hatte er das merkwürdige Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Ihm war nicht ganz wohl hier in der Dunkelheit, kaum bekleidet,  im Wasser zu liegen und beobachtet zu werden. Dazu kam noch, nicht zu wissen von wem oder von was ...
Er beschloss, sich rasch wieder anzuziehen. Beinahe wäre er im Becken ausgerutscht, so eilig hatte er es, konnte sich aber noch fangen und lief tropfnass zur Bank.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er in seine Hose kam. Leise fluchte er vor sich hin und ihm wurde immer mulmiger bei dem Gedanken, dass er hier schutzlos krampfhaft versuchte, sich wieder anzukleiden.
Als er nach seiner Brille griff, lag sie nicht mehr dort, wo er sie abgelegt hatte. „Oh nein! Nicht das noch ...!“, schimpfte er leise vor sich hin. Sie konnte nur von der Sitzfläche gerutscht sein. Er brauchte sie, zum Arbeiten und außerdem war sie ein Geschenk von seiner Frau. Nicht, das er ohne Brille blind, wie ein Maulwurf wäre, aber diese Brille bedeutete ihm sehr viel.
Er tastete das Gras ab – nichts! Suchte hinter und neben der Bank, aber sie war nicht zu finden. Er erhob sich und schaute zum Pavillon und wieder blitzte etwas auf ... Im Mondschein glänzte seine Brille auf den Stufen des Pavillons.
Wie ist nur meine Brille dort hingekommen? Wunderte er sich. Merkwürdig! Ich hatte sie ganz sicher hier auf die Bank gelegt!

Er nahm all seinen Mut zusammen und ging leisen Schrittes zum Pavillon ...

 

 

©

Idee und Umsetzung: C.Staack

Alle Grafiken, Fotos und Texte sind urheberrechtlich geschützt!

Impressum